Es gibt Gespräche, da werde ich richtig sauer.
Nicht, weil unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. Nicht, weil es automatisch Streit gibt. Sondern weil ich unterbrochen werde, während ich noch spreche.
Nicht einmal grob, manchmal fast freundlich, ein schnelles Einhaken, ein Ergänzen, ein „ja, ich weiß schon“. Und trotzdem werde ich ärgerlich.
Denn ausreden zu können ist für mich richtig wichtig, denn Gedanken entstehen oft erst, während ich sie ausspreche. Sie sortieren sich, finden Richtung, gewinnen Kontur. Wenn ich unterbrochen werde, wird dieser Weg abgeschnitten.
Ich merke dann, wie ich innerlich schneller werde, wie ich mich zusammenziehe. Wie ich beginne, Punkte zu liefern statt das auszusprechen was mir jetzt gerade wichtig ist und irgendwann spreche ich nicht mehr aus dem, was in mir lebt, sondern aus dem, was sich in der Zeit noch unterbringen lässt.
Für mich zeigt sich Würdigung genau hier: im Hinhören, das nicht drängelt. Im Aushalten, dass ein Gedanke Zeit braucht, nicht nur das Ergebnis zählt, nicht nur der Punkt am Satzende auch der Weg dorthin zählt. Wer mich ausreden lässt, sagt damit: Dein innerer Prozess hat Gewicht, ich halte diesen Raum mit Dir.
Unterbrechen ist selten böse gemeint. Oft ist es Ungeduld, Gewohnheit, dieses Reflexhafte: schnell weiter, schnell lösen, schnell einordnen. Und doch liegt darin eine Entscheidung, die nur eine Seite trifft: Jetzt reicht’s, jetzt weiß ich’s, jetzt bin ich dran.
Natürlich ich kenne das auch von mir, ich kenne diesen Moment, in dem ich innerlich schon aufstehe, während der andere noch spricht. In dem ich denke: „Ja, ja, verstanden“ – und eigentlich meine: „Komm zum Punkt, damit es wieder schneller geht.“
Manchmal ist es Nervosität, manchmal Ungeduld, manchmal auch der Versuch, die eigene Unsicherheit zu überdecken, indem ich das Gespräch an mich ziehe.
Ich weiß, hat das wenig mit dem anderen zu tun und viel mit mir, mit meiner Geduld, meinem Tempo, meinem Bedürfnis nach Kontrolle, meiner Angst, etwas zu verpassen oder zu verlieren.
Gleichwertigkeit im Gespräch fühlt sich anders an. Sie entsteht dort, wo keiner den anderen abkürzt, korrigiert oder lenkt, bevor er fertig ist. Nicht, weil man sich immer einig sein müsste. Sondern weil beide gleichermaßen zählen, auch dann, wenn es länger dauert, bis ein Gedanke seinen Ausdruck findet.
Selbstwirksamkeit beginnt oft ganz unspektakulär: damit, dass ich sprechen kann, ohne mich zu beeilen. Dass ich mir beim Sprechen selbst begegne. Dass ich mich zeigen kann, ohne mich zu rechtfertigen. Wenn ich regelmäßig unterbrochen werde, geht genau das verloren. Nicht dramatisch, eher wie ein Riss, der irgendwann zur Gewohnheit wird: Ich halte mich zurück, bevor ich überhaupt angefangen habe.
Und andersherum: Wenn ich andere unterbreche, nehme ich ihnen genau diesen Raum. Auch dann, wenn ich es gut meine. Auch dann, wenn ich nur „kurz helfen“ will. Ich setze mein Tempo über ihres. Ich entscheide, was wichtig ist. Und manchmal merke ich das erst, wenn der andere still wird oder sich zurückzieht.
Vielleicht hast Du Lust, das einmal bei Dir zu beobachten.
Nicht als Selbstoptimierung, sondern als forschenden Blick auf Dein Gesprächsverhalten.
An welchen Stellen wirst Du schnell?
Wann willst Du „nur kurz“ reingrätschen?
Was passiert in Dir, wenn der andere länger braucht?
Und wie ist es für Dich, wenn Du selbst unterbrochen wirst?
Diese kleinen Stellen sind oft die, an denen sich Beziehung entscheidet. Nicht in den großen Diskussionen, sondern im Alltagston. In den Sekunden, in denen man wählen kann: halte ich den Raum – oder nehme ich ihn?